Alpenglühen

Als engagierter Motorradfahrer braucht man ja eigentlich mindestens drei Motorräder. Allen voran sollte da natürlich etwas Sportliches sein, das nicht nur den Körper, sondern auch das Herz bewegt und mit dem man nach Feierabend auf der Haustrecke ordentlich ums Eck brennen kann. Aber man fährt ja nicht nur auf der letzten Rille und im angestammten Revier. Ab und an zieht es einen auch ins Unbekannte und auf eine längere Tour. Hier begrüßt man dann zwar die Leistung eines Sportlers, Sitzposition und Komfort lassen aber oft zu wünschen übrig und für diese Zwecke müsste man eigentlichen ein Touren-Mopped in der Garage haben. Und dann sind da ja noch die kurzen Strecken. Ob nun zur Arbeit, zum Training oder mal auf einen schnellen Kaffee in die Stadt – für diese Alltagssituationen wäre das klassische Brot-und-Butter-Mopped die beste Wahl. Für die meisten von uns gibt es jedoch in der Regel auch drei Gründe, die gegen diese herrliche Dreifaltigkeit sprechen. Entweder ist die Garage zu klein, die Frau dagegen oder das Konto zu leer. Im Zweifelsfall kommen sogar alle drei Punkte zusammen. Was also tun in seiner Not?
Glücklicherweise haben inzwischen fast alle Motorradhersteller potente Kräder im Angebot, die sich am Spagat zwischen den verschiedenen Motorradwelten versuchen. Zwei besonders interessante Neuankömmlinge stehen mit der MT-09 und Street Triple S seit diesem Jahr in den Ausstellungsräumen von Yamaha und Triumph. Beide Motorräder zählen zu den Erfolgsmodellen der letzten Jahre und gehen 2017 als Neuauflage an den Start, beide kommen mit drei Zylindern und beide Moppeds versprechen zumindest auf dem Papier sportliche Allrounder-Qualitäten für um die 9.000 Euro. Stellt sich nur die Frage, welches der Motorräder kann tatsächlich in allen Disziplinen überzeugen? Um das herauszufinden, sind wir dahingefahren, wo den Moppeds alles abverlangt wird – in die Alpen.
Schneebedeckte Berge, endlose Pässe - wer den wahren Charakter eines Motorrads ergründen will, fährt am besten in der Alpen.

Schneebedeckte Berge, endlose Pässe – wer den wahren Charakter eines Motorrads ergründen will, fährt am besten in der Alpen.

Ich will Spaß, ich geb Gas
Wenn man nicht gerade in Garmisch, Kempten oder Lindau wohnt, steht vor dem Pässefahren aber erst mal eine ausgiebige Autobahnetappe auf dem Programm. Hier konnten die beide Drilling direkt ihre Fernreise- und Pendlereigenschaften unter Beweis stellen. Dass auf der Autobahn nicht der Fahrspaß im Vordergrund steht, ist klar, denn es geht auf Deutschlands bekanntester Straßenart vornehmlich darum, Strecke zu machen. Aber auch das sollte sich natürlich so angenehm wie möglich gestalten und bei zwei Nackerten wie der Street S und der MT-09 drängt sich sofort die Frage, ob schnelles Reise überhaupt schmerzfrei möglich ist.
Trotz fehlender Verkleidung können aber erstaunlicherweise sowohl die Triumph als auch die Yamaha auf der BAB punkten. Die Sitzposition fällt dank der breiten Lenker sowie der entspannten Kniewinkel auf beiden Motorrädern recht bequem aus und bis 170 km/h lässt es sich hinter der unverkleideten Front gut aushalten. Dank der etwas höheren Scheinwerfer-Tacho-Einheit hat die Street Triple S beim „Windschutz“ die Nase aber leicht vorn. Und auch die Top-Speed-Wertung geht an die Britin. Macht man sich auf der Streety hinter dem Mini-Windschild klein, kratzt man selbst mit großem Rucksack an der 230 km/h-Schallmauer.
Ein Hauch von Nichts - Obwohl die Lampenmaske der Triumph nur unwesentlich größer scheint, als die der Yamaha, bietet sie spürbar besseren Windschutz.

Ein Hauch von Nichts – Obwohl die Lampenmaske der Triumph nur unwesentlich größer scheint als die der Yamaha, bietet sie spürbar besseren Windschutz.

Die Yamaha ist da schon längst im Rückspiegel verschwunden. Denn trotz des größeren Motors (849 ccm bei der Yamaha, 765 ccm bei der Triumph) und zwei PS Mehrleistung (115 zu 113 PS bei der Street Triple S) ist bei der MT bei 210 km/h Schluss mit lustig. Die Grenzen setzt hier aber nicht die Technik, sondern der Hersteller. Man spürt, dass der Drilling mit den drei Stimmgabeln noch jede Menge Reserven hat, gegen die im Werk angelegten, elektronisch Ketten kommt er jedoch nicht an. Aber machen wir uns nichts vor: Highspeed-Etappen jenseits der 200 sind weder die Paradedisziplin der MT, noch die der Street Triple. Dieses Manko der Yamse lässt sich also gut verschmerzen. Sprichwörtlich weniger gut verschmerzen lässt sich gerade auf langen Autobahnabschnitten aber die etwas zu weiche Sitzbank des Street Triple. Als Einstiegsmodell verfügt die „S“ über eine niedrigere Sitzhöhe als ihr teureren Schwestermodelle „R“ und „RS“ (810 statt 825 mm), es wurde aber nicht nur die Stärke des Polsters reduziert, sondern anscheinend auch am Material gespart. Selbst bei geringer Körperfülle sitzt man das Polster schnell durch und der Hintern sendet unmissverständliche Signale, dass hier mehr Komfort angesagt wäre. Bei längeren Reisen nicht gut für die Stimmung und vor allem im Stau extrem nervig.
Der CP3 genannte Motor der Yamaha MT-09 hat zwar mehr Hubraum und mehr Leistung als der Drilling der Triumph, muss sich aber in der Top-Speed-Wertung aufgrund einer Drossel dem Aggregat der Engländerin geschlagen geben.

Der CP3 genannte Motor der Yamaha MT-09 hat zwar mehr Hubraum und mehr Leistung als der Drilling der Triumph, muss sich aber in der Top-Speed-Wertung aufgrund einer Drossel dem Aggregat der Engländerin geschlagen geben.

Drillinge auf Augenhöhe
Glücklicherweise endet auch die längste Autobahnetappe irgendwann und nach wenigen Kilometern durch das österreichische Alpenvorland entlohnen die Großglockern-Hochalpenstraßen und der erste Pass für die Strapazen der Anfahrt. Auch die beiden Testmotorräder fühlen sich hier spürbar wohler und animieren auch nach 500 Autobahnkilometern mit viel Stau und sommerliche Hitze noch mal zum Angasen. Und schon nach den ersten zügigen Kurven wird klar, dass sowohl die Street Triple, als auch die MT wie gemacht sind fürs touristische Kurvenräubern. Sorgten die moderate Höhe der Lenker der beiden Probanden während der Anreise für entspanntes Vorankommen, freut man sich beim Landstraßenfahren über die Breite der Lenkstange. In Kombination mit dem geringen Gewicht lässt es sich so hervorragend durch die Radien zirkeln. Dabei fallen beide Motorräder dennoch als grundverschiedene Charaktere auf. Während die Triple gefühlt eher die Sportlichere ist und den Fahrer mit der vorderradorientierteren Sitzposition zum zügigen Fahrern animiert, ist es beim der Yamaha die extrabreite Lenkstange, die das Fahren zum spielerischen Vergnügen macht und einen immer weiter von Kurve zu Kurve treibt. Egal ob MT oder Streety – auf beide üben Kurven und Kehren eine geradezu magnetische Anziehungskraft aus. Spannt man am Kurvenausgang das nicht vorhandene Kabel – beide Motorräder verfügen über einen elektronisch gesteuerten Gasgriff – ist es aber die Triumph, die die etwas bessere Figur macht. Nominell ist der Drilling aus Hinckley zwar kleiner, minimal schwächer und verfügt auch über weniger Drehmomentreserven, der Motor macht diese Nachteile er aber durch seine Kultiviertheit wieder wett. Schon kurz über Standgasdrehzahl spricht der Motor der Triumph sauber an und ab 4.000 Umdrehungen drückt er die Fuhre spürbar nach vorn. Yamahas MT ist zwar am Gas und in bei niedrigen Drehzahlen alles andere als unkultiviert, zeigt der digitale Drehzahlmesser aber weniger als 5.000 U/min an, kommt die MT nicht so richtig aus dem Quark. Darüber hat sie aber etwas mehr Dampf und entschädigt dann auch mit dem rotzigeren Sound. Die Yamaha verwöhnt aber nicht nur mit akustische Freuden beim Spurt Richtung Drehzahlbegrenzer. Steht der Gangwechsel an, reicht bei der MT – Schaltautomat sei Dank – ein leichter Zug am Schalthebel, um die nächste Fahrstufe einzulegen. Da kann die Triumph ausstattungsseitig leider nicht mithalten. Beim Fahren fällt das überraschenderweise aber kaum ins Gewicht. Der Quickshifter der Japanerin ist nämlich komfortabel, bei den Schaltintervallen aber nicht gerade der schnellste. Und da die puristische Kombination aus einfacher Kupplung (kein Anti-Hopping) und Getriebe an der Street Triple so gut und geschmeidig funktionieren, gelingt es der Yamaha nicht, die Triumph abzuschütteln.
Kein Schaltautomat, weniger Leistung - Motor und Getriebe der Street Triple S können zwar auf dem Papier nicht mit der MT mithalten, auf der Straße ist der Unterschied aber kaum existent.

Kein Schaltautomat, weniger Leistung – Motor und Getriebe der Street Triple S können zwar auf dem Papier nicht mit der MT mithalten, auf der Straße ist der Unterschied aber kaum existent.

Theoretisch könnte diese dann aber vor der nächsten Kurve und auf der Bremse ordentlich Meter gut machen – aber nur theoretisch. An der Front der MT werkeln nämlich die radialen 4-Kolben-Monosättel der alten R6 und sorgen in Kombination mit den 298 mm Scheiben für hervorragende Verzögerung. Da kann die Streety mit ihren schon fast antiquierten Schwimmsätteln zumindest auf dem Papier nicht mithalten. Hier kommt dem Triumph-Treiber aber die etwas sportlichere Sitzposition zugute. Die Bremse der Streety fordert zwar recht viel Handkraft und liefert weniger Rückmeldung als die Stopper der Yamaha, dafür hat man auf der Britin aber mehr Gefühl fürs Vorderrad und man spürt besser, was beim Ankern an der Front so Sache ist. Das fehlt dem Yamaha-Piloten aufgrund des hohen Lenkers und kostet der MT nicht nur Punkte in der B-Wertung – die Street Triple bleibt dadurch auch in der Bremszone immer in Schlagdistanz.
Versucht man nun durch beherztes Angasen nach dem Kurvenscheitel Vorsprung auf die glubschäugige Verfolgerin herauszuholen, ist es das Fahrwerk, welches ein geglücktes Fluchtmanöver verhindert. Ist das Federbein schon auf ebenem Geläuf unterdämpft, fängt das Heck der Yam vor allem auf welligem Belag an zu pumpen und das Hinterrad verliert zu weilen sogar den Bodenkontakt. Wirklich fieses Auskeilen wird zwar durch die dreistufige Traktionskontrolle verhindert, wirklich gut fühlt sich das aber nicht an. Vor allem ungestümere Zeitgenossen sollten hier lieber auf das komplette deaktivieren des Sicherheitssystems verzichten.
Bei zügiger Gangart ist auf der MT am Kurvenausgang Vorsicht geboten. Das Heck ist unterdämpft und neigt beim harten Beschleunigen auf schlechtem Geläuf zum Auskeilen.

Bei zügiger Gangart ist auf der MT am Kurvenausgang Vorsicht geboten. Das Heck ist unterdämpft und neigt beim harten Beschleunigen auf schlechtem Geläuf zum Auskeilen.

Derartige Probleme kennt die Triumph nicht. Zwar lässt sich die zweistufige TC der Triumph nicht abschalten und das Fahrwerk ist weder einstellbar noch übermäßig sportlich ausgelegt, die Grundabstimmung ist aber so gut gelungen, dass man als Fahrer auch bei zügiger Gangart immer ein gutes Gefühl auf dem Motorrad hat.
Aber auch die Yamaha ist alles andere als sparsam mit positiven Emotionen und zieht mit ihrem aggressiv-futuristischen Design bereits im Stand alle Aufmerksamkeit auf sich. Daneben wirkt die alles andere als unattraktive Street Triple fast schon bieder. Beim Sound ist die Triumph sogar noch zurückhaltender und übt sich – typisch britisch – in Understatement. Ganz anders die Yamaha. Wie die Engländerin muss sich auch die MT dem Euro4-Kastrat unterziehen, bietet beim Gas aufziehen aber ein deutlich beeindruckenderes Klangerlebnis. Einfach herrlich, wie der Japan-Drilling brabbelt und sprotzelt. So erwischt man sich immer wieder dabei, wie man mit pumpenden Heck und den Sound genießend grinsend aus den Kehre stürmt.
Herzensangelegenheit - Sowohl die Street Triple als auch die MT-09 sammeln mächtig Punkte und überzeugen mit Charakter. Man kann also den Verstand ausschalten und das Herz entscheiden lassen.

Herzensangelegenheit – Sowohl die Street Triple als auch die MT-09 sammeln mächtig Punkte und überzeugen mit Charakter. Man kann also den Verstand ausschalten und das Herz entscheiden lassen.

Gut und günstig
Ausgewogen und kultiviert, dabei aber kein bisschen langweilig – so könnte man Yamahas MT-09 und die Triumph Street Triple wohl am besten beschreiben. Beide haben Stärken und leichte Schwächen, in Summe sind aber beide großartige Motorräder zu einem fairen Preis, von denen auch nach knapp 2000 Kilometern Autobahn, Landstraße und Alpenpässen keine als klare Siegerin hervorsticht. Ausnahmsweise kann man also ganz unbekümmert seine Vernunft bei Seite schieben und die Kaufentscheidung allein aus dem Bauch heraus fällen. Die wichtigste Eigenschaft haben sowieso Triumph UND Yamaha ganz oben auf der Habenliste: Charakter.

 

Hier gibt es auch noch mal alle Eindrücke in Video-Form:

 

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