Brennstoff

Der Winter zeigte sich ja aktuell mit Schnee und Frost noch mal von seiner unwirtlichen Seite und die kommende Motorradsaison könnte sich wohl kaum weiter entfernt anfühlen. Doch Winterzeit ist auch Schrauberzeit und während der Gelegenheitsfahrer eher in der warmen Stube sitzt und sich aufgrund anhaltender Minusgrade vor der kommenden Nebenkostenabrechnung fürchtet, zieht es die Hartgas-Fraktion bereits jetzt in die Garage oder Werkstatt. Schließlich sind die dunklen Monate die Gelegenheit für Änderungen am Material und für die wirklich Motorradinfizierten der Nation fallen auch winterliche Umbaumaßnahmen und Anschaffungen wie Motorradreifen unter die Rubrik „Heizkosten“. Vor allem letztgenannte sind bei engagierten Straßenfahrern mit Rennstrecken-Ambitionen ein nicht zu verachtender Faktor und Stoff für schier unendliche Diskussionen. Wie bei allen Themen rund ums Motorrad geht es hier natürlich hauptsächlich um eins: Performance. Nachdem wir uns in den vergangenen Ausgaben schon intensiv mit Supersport-Reifen auseinandergesetzt haben, widmen wir uns diesmal zwei Modellen aus dem Hypersport-Segment – Pirellis Diablo Supercorsa SP und den Metzeler Racetech RR.

Oldie but Goldie

Wer sich schon immer gefragt hat, was sich eigentlich hinter der Einteilung Super- und Hypersportreifen versteckt und sich daher unsicher ist, welcher Reifen-Typ zu seinem Fahrstil und vor allem zu seinem Können passt, sollte vor der Neuanschaffung unbedingt einen Blick in die Produktbroschüren der Hersteller werfen. Hier findet man in der Regel die entscheidenden Informationen. Anders als der Name vermuten lässt, sind Supersport-Reifen natürlich nicht nur für Supersportler gedacht, ihrem Namen verdanken sie eher dem Einsatzzweck und der Fahrweise, für die sie entwickelt wurden. Grundsätzlich sind sie für Fahrer gedacht, die sportliche und in der Regel leistungsstarke Motorräder fahren und diese auch sehr sportlich auf der Landstraße bewegen. Zaghafte Gehversuche auf der Rennstrecke sind mit Ihnen zwar bedingt möglich und diese werden von den Herstellern daher auch nicht kategorisch ausgeschlossen. Von einem intensiveren Mischbetrieb ist aber abzuraten.

Nicht nur Superportler erlauben eine supersportliche Fahrerweise. Auch die aktuellen Naked Bikes sind oft extrem sportlich und können nur mit der passenden Bereifung ihr ganzes Potential ausspielen.

Zählt man sich selbst eher zur oben genannten Hartgas-Fraktion und will ohne großes Aufheben mit dem (Straßen-)Motorrad auch ab und an auf die Rennstrecke, sollte man eher zu einem Reifen aus der Kategorie „Hypersport“ greifen.  Zu diesen zählt zweifelsohne der Pirelli Supercorsa SP. Die SP-Version (Anmerk. D. Red.: SP = Sport Production) ist zwar bereits seit 2013 am Markt und geht damit bereits in seine sechste Saison, im sportlichen Einsatz merkt man dem Oldie das vergleichsweise hohe Dienstalter aber nicht an. Im Gegenteil. Egal, ob Grip, Handling oder Feedback – die Pelle agiert in allen Belangen noch immer auf allerhöchstem Niveau. Wirft man einen Blick auf die Wurzel des Supercorsa, verwundert das allerdings auch nicht. Pirelli ist bereits seit dem Jahr 2004 Alleinausstatter der Superbike WM und diese Erfahrung kommt der gesamten Produktpalette der Italiener zugute. So verfügt der Supercorsa bereits seit 2013 über zwei verschiedene Gummimischungen mit einer harten Lauffläche in der Reifenmitte und einer softeren Mischung auf den Schultern des Hinterrades, einen extrem geringen Negativprofilanteil sowie eine moderne Reifenkontur, die ein Maximum an Auflagefläche und enormen Grip in Schräglage ermöglicht. So ausgestattet ist der Supercorsa SP nicht nur ein starker Begleiter für die schnelle Hausrunde, sondern auch für den gelegentlichen Ausflug auf die Rennstrecke eine echte Option. Und das wissen nicht nur engagierte Hobby-Sportler zu schätzen. Aufgrund seiner herausragenden Performance ist er auch für viele Motorradhersteller erste Wahl, wenn es darum geht, das sportliche Flaggschiff adäquat zu besohlen. So liefern unter anderem Triumph und Aprilia ihre Top-Sportler mit Supercorsas an die Kunden aus und auch Ducati vertraut bei der neuen Panigale V4 auf die italienischen Superkleber.

Oldie but Goldie: Ducati vertraut auch 2018 bei der neuen Speerspitze Panigale V4 auf den Pirelli Supercorsa SP.

 

Auch bei um die 10 Grad Celsius bietet der Supercorsa SP noch mächtig Grip, muss dann aber ständig gefordert werden.

Aufgrund der sehr sportlichen Auslegung haben die Pirellis aber im Alltag nicht nur Vorteile. So zählt zum Beispiel die Laufleistung nicht gerade zu den ausgesprochenen Stärken des Supercorsa SP. Auch der Nassgrip ist alles andere als seine Paradedisziplin. Allgemein lässt sich der Reifen als eher wetterfühlig bezeichnen, denn auch niedrige Temperaturen liegen dem Italiener nicht wirklich. Zwar überzeugt der SP mit einer kurzem Warmfahrphase, fällt das Thermometer aber unter 15 Grad Celsius, muss man die Pelle gefühlvoll auf Betriebstemperatur bringen und dann konsequent fordern, um diese auch zu halten. Kommt man also auf einer Bummeltour bei niedrigen Temperaturen an der Lieblings-Kurven-Kombination vorbei, sollte man diese auch im Bummeltempo nehmen, oder – sollte man sich nur schlecht beherrschen können – vielleicht lieber direkt links liegen lassen. Herrschen gut zweitstellige, im Idealfall frühsommerliche Temperaturen und ist die Straße trocken, gibt es auf dem Supercorsa aber kein Halten mehr. Für dieses Sportlerwetter ist er gemacht und hier kann er seine herausragenden Eigenschaften voll ausspielen.

Der Straßensportler

Auch nicht mehr brandneu, aber ebenfalls voll auf der Höhe der Zeit ist der Metzeler Racetech RR. Wie beim Supercorsa handelt es sich beim Racetech RR zwar auch um einen reinrassigen Hypersportreifen mit deutlichem Rennstreckenpotential, die Entwicklungs-Philosophie unterscheidet sich aber von der des Pirelli. Während beim Supercorsa SP, wie erwähnt, Pirellis Erfahrungen aus der Superbike-WM einflossen, wurde der Racetech RR gemeinsam mit Teams aus dem Road Racing Bereich entwickelt und soll auch den sehr speziellen Anforderungen bei Straßenrennen gerecht werden. Denn im Gegensatz zum Fahren auf der Rennstrecke gibt es beim Road Racing häufig lange Passagen mit wenig bis keiner Schräglage, was ein Auskühlen der Reifenflanken zur Folge hat. Darüber hinaus kommt es auf öffentlichen Straßen häufig zu Belagwechsel und auf Strecken wie dem Snaefell-Mountain-TT-Kurs auf der Isle of Man aufgrund der zu überwindenden Höhenunterschiede zusätzlich noch zu beachtlichen Schwankungen der Außentemperatur. Alles Bedingungen also, die so auch dem normalen Straßenfahrer begegnen können, ist man zum Beispiel in den deutschen Mittelgebirgslagen unterwegs. Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, setzt Metzeler auf verschiedene Maßnahmen im Bereich Gummi-Mischung, Profilgestaltung und Karkassenaufbau.

Der geringe Profilanteil lässt es erahnen – auch der Racetech RR ist für den extrem sportlichen Einsatz gedacht.

Um dem Auskühlen der Reifenflanken entgegenzuwirken, vertraut Metzeler beim Aufbau der Gummimischung auf das sogenannte „Cap and Base“ Layout. Hier soll die Mischung in der Mitte der Lauffläche einen Teil der, bei Geradeausfahrt entstehenden, Wärme an die Flanken abgeben und auf diese Weise deren Auskühlen verhindern. So soll der Reifen auch beim Abwinkeln nach längere Zeit ohne Schräglage den nötigen Grip gewährleisten. Darüber hinaus kommt auf den Reifenflanken eine softere Gummimischung zum Einsatz, die in Schräglage mehr Haftung bieten soll. Um über lange Distanzen ein gleichbleibendes Grip-Niveau halten zu können und dieses auch bei wechselnden Asphalt zu gewährleisten, arbeiteten die Metzeler-Ingenieure bei der Entwicklung des Hypersport-Reifens vor allem an der Mischungszusammensetzung von Polymeren, speziellen Harzen und den zugehörigen, verstärkenden Füllstoffen. Insgesamt wird der Racetech RR in 3 Mischungen angeboten – K1 (soft), K2 (medium) und K3 (hard) – allerdings hat nur die K3-Mischung auch eine Straßenzulassung. Letztgenannte ist natürlich auch die, für die Metzeler die längste Laufleistung verspricht. Um den Verschleiß zu reduzieren und die Reifen generell langlebig zu machen, legten die Mannen bei Metzeler auch am Profildesign Hand an. Das neue Layout der zentralen Längsrillen mit dem kompakten, zusammenhängenden Bereich in der Laufflächenmitte soll dabei für beste Stabilität bei der Geradeausfahrt sorgen. Die schräg angeordneten Profilrillen wiederum wurde auf Kurvengrip in allen Situationen und eine Minimierung des Verschleißes hin optimiert.

Laut Metzeler trägt das „Cap and Base“ Layout des Racetech RR dazu bei, das Auskühlen der Reifenflanken zu verhindern.

Um den Reifen auch die nötige Präzision zu verleihen, hat Metzeler Lauffläche und Seitenwandprofil als flexibles System entwickelt, um so Schläge zu absorbieren, Aufprälle zu minimieren und Rebounds zu verhindern. Für hohe Seitensteifheit sollen ein steifes Lagenmaterial und die Metzeler 0°-Stahlband Technologie sorgen.

Und tatsächlich kann der Racetech RR in den entsprechenden Disziplinen überzeugen und glänzt vor allem beim Grip. Wie auch der Supercorsa baut der Pneu für einen straßenzugelassenen Reifen enorme Haftung auf. Beim Thema Rückmeldung und Zielgenauigkeit liegt er zwar minimal hinter dem Mitbewerber aus gleichem Haus, darüber tröstet aber vor allem bei nicht ganz perfekten Straßenbedingungen der etwas bessere Komfort hinweg. Bei der Alltagstauglichkeit herrscht dann aber wieder gefühlter Gleichstand. Auch der Metzeler überzeugt mit einer kurzen Warmfahrphase, tendieren die Außentemperaturen in Richtung einstelliger Bereich und herrschen sogar noch wechselhafte Bedingungen, ist auch beim Reifen mit dem Elefant auf der Seitenwand Zurückhaltung gefragt.

Für den harten Einsatz und die wechselnden Bedingungen bei Straßenrennen entwickelt, fühlt sich der Racetech RR auf dem Kringel pudelwohl.

Bei den verfügbaren Reifen-Dimensionen unterscheidet sich das Angebot minimal. Für StVO-konforme Motorräder steht bei beiden Probanden fürs Vorderrad ausschließlich die Größe 120/70 ZR 17 zur Verfügung. Fürs Hinterrad gibt es natürlich die gängigen Supersport- und Superbike-Dimensionen 180/55, 190/50, 190/55 sowie die King-Size-Variante 200/55 und das alles natürlich in der 17-Zoll-Ausführung. Während Metzeler hier aber zusätzlich noch die Supermoto-Größe 160/60 anbietet, setzt Pirelli auf den noch eher seltenen 180/60er Supersport-Reifen als Zusatzoption.

Fazit: Wer einen laufleistungsstarken Allrounder sucht, für den sind Supercorsa SP und Racetech RR sicher nicht die richtige Wahl. Für diejenigen, die ein potentes Superbike ihr Eigen nennen und dieses – bevorzugt bei gutem Wetter – zügig bis schnell bewegen, sind die beide Reifen aber hochinteressant. Eine kurze Aufwärmphase, mächtiger Grip und ein – auch bei hohen Temperaturen – spürbar gutmütiges Verhalten im Grenzbereich sprechen für die beiden Hypersportler, die auch gerne beim gelegentlichen Rennstreckeneinsatz verheizt werden können, ohne das sofort durch den Einsatz teurer Slicks die Brennstoffkosten in die Höhe schießen.

Zwei verschiedene Mischungen und das spezielle Profildesign sollen für Haftung, Stabilität und geringen Verschleiß sorgen.

Egal, ob sportlich auf der Landstraße oder beim Einsatz auf der Rennstrecke. Der Supercorsa SP weiß zu überzeugen und ist auch für den gelegentliche Trackday eine echte Option. (Foto: Martin Pluskota)

Das lässt sich die Verwandtschaft nicht abstreiten: Profildesign und Anteil am Supercorsa SP…

…. und am Metzeler Racetech RR sind sich doch sehr ähnlich.

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  1. […] Brennstoff […]

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