Super, Corsa!

Als Fahrer sportlicher Straßenmotorräder kommt man an den Reifen von Pirelli ja eigentlich nicht vorbei. Nicht nur, dass der Supercorsa SP seit Jahren als die Referenz bei den straßenzugelassenen Supersport-Reifen gilt, die Italiener sind auch die Nummer Eins, wenn es um das Thema Erstausrüstung geht. Sportliche und supersportliche Motorräder wie die Ducati Panigale Baureihe, Aprilias Tuono V4 1100 oder auch die Triumph Speed Triple RS sind schon ab Werk mit den klebrigen Pellen aus Mailand bestückt und lassen damit bei sportlicher Gangart auf der Straße und auch beim gelegentlichen Einsatz auf der Rennstrecke kaum Wünsche offen. Vor allem für den engagierten Straßenfahrer gibt es beim Supercorsa aber zwei entscheidende Kritikpunkte – seine verhältnismäßig geringe Laufleistung und seine Wetterfühligkeit. Bei Temperaturen unter 10-15 Grad kommt man mit dem Reifen zwar noch von A nach B und bei einsetzendem Regen auch noch nach Hause, richtig entspannt fährt man dabei aber nicht. Um dieses Manko auszumerzen und den Spagat zwischen dem hypersportlichen Supercorsa SP und dem Straßensportler Rosso III noch besser zu meistern, legt Pirelli den in die Jahre gekommen Rosso Corsa neu auf und zündet mit dem Nachfolger Corsa II den Nachbrenner in Sachen technische Neuerungen.

Um sowohl Landstraßen- als auch Rennstreckentauglichkeit des neuen Diablo Rosso Corso II unter Beweis zu stellen, gab es für die neue Pelle aus dem Hause Pirelli gleich zwei Präsentationstage.

Auf der To-Do-Liste der Pirelli Ingenieure standen für die Neuauflage des Rosso Corsa natürlich Punkte wie mehr Grip sowie ein verbessertes Handling, vor allem sollte sich aber der mögliche Einsatzbereich des Reifens erweitern. Egal, ob bei niedrigen Temperaturen und feuchten Straßen oder bei maximaler Schräglage auf der Rennstrecke – der neue Corsa soll unter allen Bedingungen maximales Vertrauen vermitteln. Um all das zu erreichen, blieb bei der Entwicklung des neuen Corsa II kein Element des Reifens unangetastet. Die auffälligste Veränderung ist sicher das neu gestaltete Profil, das nun dem des Supercorsa SP ähnelt. Für die wichtigste Neuerung muss man aber etwas genauer hinschauen. Um tatsächlich unter allen Bedingungen die höchstmögliche Performance und ein Maximum an Grip zu erreichen, setzt Pirelli beim neuen Rosso Corsa II das erste Mal auf zwei unterschiedliche Gummimischungen an der Front und sogar drei verschiedene am Heck. Während der Reifen in der Laufflächenmitte mit einem Silica-Anteil von 70 Prozent und einer harten Gummimischung auf Laufleistung ausgelegt ist, kommt am Hinterrad im Übergangsbereich eine weichere Mischung mit 100 Prozent Silica zu Einsatz. Diese soll auch bei niedrigen Temperaturen und feuchtem Geläuf für die nötige Haftung und damit viel Vertrauen sorgen. Um die Performance im Nassen noch weiter zu verbessern, wurde auch das Profildesign optimiert. Der Negativprofilanteil liegt zwar wie beim Vorgänger bei sechs Prozent, für eine verbesserte Drainage wurde der Anteil links und rechts der Reifenmitte aber erhöht und im Übergangsbereich zu den Schultern für mehr Grip reduziert.

Beim neuen Hinterreifen erkennt man die unterschiedlichen Mischungen. Besonders deutlich ist der Kontakt der Ruß-basierten Mischung auf den Schultern hin zur 100% Silica-Mischung im Übgang zur Reifenmitte. Das Profildesign ähnelt jetzt mehr dem Supercorsa SP.

Auf den profillosen Schultern ist dann Rennsport angesagt. Sowohl am Vorder- als auch am Hinterrad kommt hier die SC-3-Mischung aus dem Pirelli Superbike-Slick zum Einsatz, die auch bei extrem sportlicher Gangart und auf der Rennstrecke für den nötigen Grip und maximalen Fahrspaß sorgen.

Aber auch die Karkasse und die Kontur des Reifens blieben nicht unangetastet und wurden in Richtung „sportlich“ optimiert. Um das Handling zu verbessern, kommen beim neuen Corsa zwei unterschiedliche Radien zum Einsatz. Während der Reifen in der Mitte einen kleinen Radius aufweist und laut Pirelli so ein spielerisches Einlenken ermöglicht, vergrößert sich der Radius zu den Flanken hin, wodurch mehr Auflagefläche und damit mehr Grip erreicht werden soll. Um auszuschließen, dass die unterschiedlichen Radien an Vorder- und Hinterreifen sich gegenseitig beeinflussen, wurden die Konturen aufeinander abgestimmt und die Reifen so gestaltet, dass das Abwinkeln übergangslos und harmonisch verläuft.

Um dem Fahrer auch die nötige Rückmeldung darüber zu geben, was an Front und Heck so passiert, wurde auch der Unterbau des Reifens überarbeitet. Wie schon bei der Mischung kommt auch hier eine Technik aus der Rennsportabteilung der Italiener zum Einsatz und Pirelli setzt beim Karkassaufbau des Corsa II – ähnlich wie im Superbike-Slick – auf einen Materialmix aus Stahl- und Lyocell-Fäden, um eine steife Karkasse und so viel Feedback zu erreichen.

Die Kontur des Reifens geht aus einem kleinen Radius in der Reifenmitte in einen größeren Radius auf den Flanken über. So sollen sowohl ein agiles Handling und gleichzeitig viel Auflagefläche für maximalen Grip in Schräglage erreicht werden. Damit Vorder- und Hinterrad harmonieren, erfolgt der Übergang an beiden Reifen bei 35° Schräglage.

Wer bei einer solch sportlichen Ausrichtung und so viel Ähnlichkeit zum Rennreifen mangelnde Alltagstauglichkeit vermutet, liegt überraschenderweise falsch. Die zweitägige Präsentation des Reifens fand im nördlichen Südafrika statt und wider Erwarten zeigte sich der Kontinent eher von seiner unterkühlten Seite. Der erste Präsentationstag fiel sogar sprichwörtlich ins Wasser und der Straßenteil war von Dauerregen und Temperaturen unter 15 Grad geprägt. Nicht gerade Traumbedingungen für sonnenliebende Journalisten, für einen umfassenden Eindruck vom Reifen aber natürlich optimal.

Erstaunlicherweise zeigte sich der Reifen von den Umständen wenig beeindruckt. Im Gegenteil. Nachdem sich die Reisegruppe an Linksverkehr, die riesigen Schlaglöcher sowie die teils schlammüberspülten Straßen gewöhnt hatte und das Tempo angezogen wurde, konnte der Reifen im Nassen überraschend viele Punkte sammeln. Auch bei starkem Regen und Tempo jenseits der deutschen StVO vermittelt der Corsa II viel Vertrauen. Selbst beherztes Bremsen auf nassem Asphalt bringt ihn nicht aus der Ruhe und das ABS erst sehr spät in den Regelbereich. Einzig die steife Karkasse könnte sich etwas sensibler zeigen und leitet auf schlechten Straßen Stöße durch Absätze und Löcher teilweise etwas unsensibel ins Fahrwerk weiter.

Am ersten Präsentationstag waren Dauerregen und schlechte Straßen angesagt. Nässe kann der Corsa II überraschend gut, Informationen zu Schlaglöchern, Absätzen und Fugen gibt er aufgrund der recht steifen Karkasse aber eher ungefiltert weiter.

Wirklich glänzen konnte die Pelle aber beim Rennstreckenteil der Vorstellung auf der ehemaligen GrandPrix-Strecke von Kyalami. Der am Stadtrand von Midrand gelegene Kurs empfing uns am zweiten Präsentationstag zwar ebenfalls mit einer grauen Wolkendecke und recht kühlen 15 Grad, aber schon während der ersten Runden auf der anspruchsvollen Berg-und-Tal-Bahn war das eher durchwachsene Wetter vergessen und der Schalter auf Spaß umgelegt. Von blinden Ecken über pfeilschnell zu fahrende Bögen bis hin zur Start-Ziel-Gerade mit dem Ü-250-Km/h-Knick bietet der Kurs alles, was das Sportlerherz höherschlagen lässt. Und obwohl der neue Rosso Corsa II nicht als straßenzugelassener Rennreifen konzipiert wurde, konnte er unter diesen Bedingungen voll überzeugen. Zwar diente der erste Turn auf dem unbekannten Kurs noch zur Eingewöhnung, aber schon hier blitzten die (super)sportlichen Qualitäten des neuen Corsa auf. Vor allem das sehr agile Einlenkverhalten und leichtfüßige Handling ließen schnell Freude aufkommen. Letztgenanntes machte sich bereits zu Beginn des ersten Turns positiv bemerkbar. Kurve verwechselt und auf einem zu weiten Radius unterwegs? Mit dem Corsa II kein Problem. Kurskorrekturen lassen sich nämlich bis in tiefe Schräglagen fast spielerisch vornehmen.

Auf Kante: Dank der harten SC-Mischung auf den Schultern vermittelt der neue Corsa II auch auf der Rennstrecke viel Vertrauen und sorgt für einen hohen Spaßfaktor.

Im zweiten Umlauf und bei zunehmendem Tempo kristallisierte sich dann eine weitere sportliche Eigenschaft des neuen Rosso heraus. Dank der steifen Karkasse verhält sich der Neue nämlich äußerst bremsstabil. Dies fällt besonders dann auf, wenn man sich mal wieder vor einer der blinden Ecken verschätzt hat. Hier kann man nicht nur hart Ankern, sondern – Transparenz und Rückmeldung sei Dank – bis weit in die Kurve hineinbremsen. Und noch eine Eigenschaft lässt den neuen Rosso fast wie einen reinen Rennreifen erscheinen – seine Stabilität. Mit der „Sunset“ und der „Mineshaft“ hat die Strecke von Kyalami zwei sehr schnelle Bergab-Bögen, die im Fall der Mineshaft in voller Schräglage mit um die 200 km/h genommen werden. Doch egal, ob Yamaha R1, Ducati Panigale V4 oder Honda Fireblade, der neue Rosso Corsa zieht hier stoisch und zielgenau durch den Radius und vermittelt enorm viel Vertrauen.

Sehr vertrauenswürdig ist auch das Grip-Niveau des Reifens. Dies ist vor allem für den Übergangsbereich von der sehr soften, Ruß-basierten Mischung auf der Schulter hin zur 100-Prozent-Silica-Mischung (70%-Silica am Vorderrad) im mittleren Schräglagenbereich auffällig. Weder beim harten Beschleunigen noch beim Verzögern in Schräglage zeigt sich der Reifen hier indifferent oder überrascht mit unberechenbaren Verhalten.

d 1: Die Schultermischung des Corsa II zeigt ein Slick-artiges Abriebbild. Obwohl der Unterschied zwischen der Silica und der Ruß-basierten Mischung deutlich zu sehen ist, spürt man den Übergang während der Beschleunigungsphase nicht.

Acht Jahre nach der Präsentation des ersten DIABLO Rosso Corsa schickt Pirelli den Nachfolger ins Rennen und legt auch diesmal den Fokus auf das Thema Sport. Egal, ob Handling oder Stabilität, Grip oder Feedback, der Neue weiß zu überzeugen und fühlte sich auf dem Kurs von Kyalami fast wie ein reiner Rennreifen an. Doch nicht nur die sportlichen Eigenschaften begeistern. Im südafrikanischen Dauerregen konnten auch die neuen Mischungen mit unterschiedlich hohem Silica-Anteil beweisen, wofür sie gemacht sind und zeigten sicher auch auf nassen Straßen und schlechtem Asphalt von ihrer haftfreudigen Seite. Ob der neue Rosso Corsa II auch beim Thema Laufleistung zu überzeugen weiß, muss aber noch geklärt werden. Erhältlich ist der Reifen in der Größe 120/70 ZR 17 fürs Vorderrad und in den gängigen Hinterreifen-Dimensionen von 160/60 bis 200/55. Darüber hinaus ist auch ein 200/60er Hinterreifen vorgesehen, dieser ist im Handel aktuell aber noch nicht verfügbar.

 

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.