Faszinierende Unvernunft

Ein Phänomen macht sich breit. Es ist nicht wirklich neu, führte aber sehr lange ein Schattendasein. Eigentlich ist es sogar schon immer da gewesen und obwohl es sich jedes Jahr aufs Neue in der Öffentlichkeit abspielt, wussten bis vor Kurzem oft nur die Eingeweihten von seiner Existenz – Road Racing.

Aber die Dinge ändern sich gerade. Was bis vor wenigen Jahren noch ausschließlich einer kleinen, eingeschworenen Gemeinschaft vorbehalten war, rückt so langsam wieder ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit.

In seinem Wesen ist Road Racing oder besser „Real Road Racing“, eigentlich ein Anachronismus, denn alles, was die Faszination dieser Art des Rennsports ausmacht, will so gar nicht in unsere Zeit passen. Man muss sich fast wundern, dass es in unserer heutigen Gesellschaft, mit ihrem ständigen Streben nach Sicherheit und der ständig zunehmenden Bevormundung, überhaupt so lange überleben konnte.

Obwohl wir im Alltag inzwischen fast unzählige Möglichkeiten haben, ist die Freiheit unseres Tuns, sei es durch Regeln oder Konventionen, häufig doch extrem eingeschränkt. Selbst unter Motorradfahrern, die wir uns über Jahrzehnte als coole Rebellen verstanden haben (und vielleicht auch tatsächlich so gesehen wurden), ist das Aufgebehren gegen Regeln bei Vielen der alles durchdringenden Ratio gewichen.

Road Racing beim Southern 100 (Quelle: http://wbrownphotos.com)

Road Racing beim Southern 100 (Quelle: http://wbrownphotos.com)

Die Industrie zügelt den Drang nach überbordender Leistung durch allerlei elektronische Helferlein, von staatlicher Seite werden wir in Zukunft durch die beschlossene ABS-Pflicht für Neumotorräder geschützt und für viele gehört die Warnweste inzwischen auch ohne Vorschrift als unerlässlicher Bestandteil zur „Bikerkluft“. Gibt man sich hier als bekennender Verweigerer zu erkennen, erntet man häufig nur verständnisloses Kopfschütteln. Dass man auch mal in T-Shirt und kurzen Hosen mit dem Mopped zum Bäcker fährt, verschweigt man dann doch lieber ganz, will man nicht als völlig vernunftbefreit erachtet werden.

 

Freiheit durch Unvernunft

Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, nimmt die Zahl der Anhänger des Road Racing wieder spürbar zu. Während wir alles versuchen, um gemäßigt, rücksichtsvoll und vernünftig zu sein, ist das, was Straßenrennen ausmacht, das genaue Gegenteil: Sie sind schnell, sie sind laut und vor allem sind sie unvernünftig und gefährlich.

Aber genau hier, in der Gefahr, liegt die Faszination. Und das sowohl für die Zuschauer als auch für die Fahrer. Es ist dieser Punkt, der den unwiderstehlichen Reiz ausmacht. Doch die Gefahr und die möglichen Folgen sind nur ein Teil der Wahrheit. Denn weder setzen die Fahrer alles daran, das vorhandenen Risiko unnötig zu erhöhen, noch wollen die Zuschauer fatale Unfälle sehen.  Es steckt viel mehr dahinter.

Der bedeutende Punkt ist nicht die Gefahr selbst, sondern es ist viel mehr die Freiheit, sich bewusst in diese Gefahr begeben zu können. Einige Wenige leben diese absolute Freiheit, die große Maße bestaunt ihre Taten und bewundert sie dafür.

Risiko

Egal, ob für die Fahrer oder die Zuschauer – Road Racing ist faszinierend unvernünftig

Vor allem durch Rennen wie die „Tourist Trophy“ auf der Isle of Man oder das „NorthWest 200“, welches mit jährlich über 150.000(!) Besuchern Irlands größte Sportveranstaltung ist, kämpfte sich Road Racing in den vergangenen Jahren Stück für Stück wieder ins Licht der Öffentlichkeit. Und auch wenn es hierzulande keine wirklich ernst zu nehmende Berichterstattung gibt, erreicht die Faszination dank moderner Action-Cams und Youtube inzwischen auch diejenigen, die bisher kaum etwas von dieser Art des Motorsports wussten.

Selbst große Unternehmen wie Metzeler oder Kawasaki haben diese „Randsportart“ wieder für sich und als Marketinginstrument entdeckt, geben ihren Produkten oder gleich der gesamten Marke wieder ein freiheitsliebendes Image und machen damit das Thema weiter salonfähig.

kawasaki

Die Botschaft ist klar: Die aktuelle ZX-6R verspricht das freie Gefühl des Road Racing (Quelle: Kawasaki.de)

 

Der Geist der Inseln spricht viele Sprachen

Doch trotz des wachsenden Interesses verbinden die Zweiradenthusiasten hierzulande immer noch fast ausschließlich die Rennen auf den englischsprachigen Inseln sowie Namen wie Joey Dunlop (†), John McGuiness, Ian Hutchinson und nicht zuletzt Guy Martin mit Road Racing. Dabei man muss gar nicht so weit fahren, wenn man faszinierenden Rennsport auf öffentlichen Straßen erleben möchte.

Denn auch in Deutschland haben Straßenrennen eine lange Tradition. Bereits am 10. Juni 1923 fand auf dem „Schleizer Dreieck“ das erste Rundstreckenrennen statt. Der inzwischen legendäre Kurs ist damit sogar älter als das berühmte „NorthWest 200“. Das erste Bergrennen gab es sogar noch früher. Schon 1903 kämpften die ersten Motorradfahrer auf der berühmten „Solitude“ nahe Stuttgart um die Plätze.

Doch Straßenrennen sind in Deutschland alles andere als Geschichte. Leider noch nicht ganz so bekannt, hat sich in den vergangenen Jahren auch in Deutschland und einigen Nachbarländern eine äußerst attraktive Rennserie entwickelt.

 

Vom „3 Landen-Cup“ zur International Road Racing Championship (IRRC)

Los ging es im Jahr 2003 – damals noch als „3 Nationen Cup“ – und die Saison umfasst je eine Veranstaltung in Holland (Hengelo), Belgien (Oostende) und Deutschland (Frohburg). Organisiert wurde das Ganze von den Motorsportclubs der Veranstaltungsorte und das Starterfeld in den Klassen Supersport und Superbike bestand aus jeweils 10 Fahrern aus den teilnehmenden Ländern.

Aufgrund des großen Interesses wurde das Konzept dann im Jahr 2010 den Teilnehmerwünschen angepasst. Gaststarts und Wildcards waren zwar auch vorher schon möglich (u.a. waren die Dunlop-Brüder am Start), von nun an konnten aber auch Fahrer aus anderen Nationen an der Meisterschaft teilnehmen. Auch bei der Anzahl der Strecken gab es nun Bewegung. Neben den ursprünglichen Veranstaltungsorten Hengelo, Oostende und Frohburg, sollte jetzt auch andere Strecken mit in den Kalender aufgenommen werden. Passend zu den Neuerungen wurde die Serie in „International Road Racing Championship“ umbenannt.

Ein Jahr später folgte dann bereits die nächste Veränderung. Neben den Veranstaltungen in Deutschland, Belgien und Holland wurde 2011mit dem Rennen in Terlicko (CZ) das erste Mal ein osteuropäischer Straßenkurs mit in den Meisterschaftskalender aufgenommen.

Auch in den vergangenen zwei Jahren ist das Interesse weiter gewachsen und für 2014 sind nun sogar 6 Läufe geplant. Neben den Klassiker in Hengelo, Oostende und Frohburg sind in diesem Jahr auch die Kurse in Oos (NL), in Chimay (BE) und – besonders spektakulär – in Hořice (CZ) Teil der IRRC. Bei der Streckenvielfalt braucht man sich also nicht hinter den Veranstaltungen auf der Insel verstecken.

Gleiches gilt übrigens auch für das Starterfeld. Unter den Teilnehmern und erfolgreichsten Fahrern der vergangenen Jahren tummeln sich so illustre Gestalten wie Sebastien Le Grelle, seines Zeichens Ex-Grand Prix, -SSP WM- und -Boxer Cup-Pilot, Thomas Kreutz, Sieger bei den „1000km von Hockenheim“ (SSP), beim Fischereihafenrennen (SBK/SSP) und bei der „International Tri Series“ in Neuseeland sowie Rico Penzkofer (Starts bei der IoMTT, IDM Supersport, Yamaha Cup). Und dann ist da natürlich Didier Grams, der nicht nur mit einem 8. Platz beim letztenjährigen Macau Grand Prix glänzen konnte, sondern mit drei Meistertiteln auch der IRRC-Superbike seinen Stempel aufgedrückt hat. Motorsport auf hohem Niveau ist also garantiert.

Um euch die Faszination Road Racing etwas näher zu bringen, werde ich dieses Jahr immer wieder über die IRRC berichten. Damit dabei auch einen Blick hinter die Kulissen gelingt, werde ich zwei Fahrer aus Baden zu einem Teil der Rennen begleiten und versuchen, ihre Erlebnisse an und auf der Strecke hier zu dokumentieren. Los geht es in den nächsten Tagen mit einem Vororttermin und der Vorstellung der Fahrer und Einsatzmotorräder. Falls ihr euch vorab schon etwas über Road Racing im Allgemeinen oder die IRRC im Speziellen informieren möchtet, findet ihr hier einige Links zu Seiten, die sich mit dem Thema beschäftigen:

IRRC

Manx Grand Prix

Northwest 200

Isle of Man TT

Scarborough

Real Road racing

Dass auch die Fahrt zu den Veranstaltungen in Tschechien mehr als lohnend ist, seht ihr hier:

Czech Road Racing

2 Kommentare

  1. Hallo Michel!
    Wirklich gut geschrieben, der Text über das Road Racing!!!
    Ich bin dieses Jahr auch das erste mal dabei (IRRC) und freue mich schon sehr auf diese neue Erfahrung.
    Bestimmt sehen wir uns mal dort!
    MfG #276 Hanno Brandenburger

    1. Hallo Hanno,

      Freut mich, dass es dir gefällt! Ich bin auch schon ziemlich auf die Saison gespannt. Ich war zwar beim 3 Landen Cup 2006 und 2007 schon als Teammitglied in Frohburg mit dabei und bin dort auch selbst schon im Sidecar gefahren, der Rest ist aber auch für mich absolut neu. Bis zum Eröffnungswochenende gibt es hier noch das ein oder andere zu Lesen und dann treffen wir uns in Hengelo hoffentlich persönlich. 🙂

      Bis dahin beste Grüße,

      Michel

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